Stilfragen

Begegnungen & Stilfragen

Heute hatte ich eine eigenartige Begegnung mit einer alten Bekannten, die mich zum Nachdenken gebracht hat. Um ehrlich zu sein war es eine Begegnung der Dritten Art, die mir auf überraschend positive Weise gezeigt hat wie frei ich bin. Meine alte Bekannte dürfe ungefähr mein Alter haben, ist gut situiert, seit 25 Jahren mit einem Mann verheiratet, 3 Kinder und äußerlich eine richtige Dame. Wir haben uns bestimmt 15 Jahre nicht mehr gesehen und ich hätte sie nicht erkannt, wenn sie mich nicht angesprochen hätte. Richtig befreundet waren wir nie, also eher eine Freundin einer Freundin einer Freundin…

Damals war ich beeindruckt von ihrem Mut eine Schönheits-OP zu wagen. Vor 15 Jahren war das noch etwas Besonderes im Vergleich zu heute. Immer schon hatte ich das Gefühl, dass sie nicht wirklich authentisch ist und eher sagt und macht was von ihr erwartet wird. Bei unserem heutigen Treffen nach so langer Zeit war dies immer noch das Erste was mir auffiel. Sie erzählte von den Erfolgen ihres Mannes, ihrer Söhne, welche Urlaube für den Sommer geplant werden und dass sie gerade bei Hermine (eine bekannte Kosmetikerin) gewesen ist. Sie erwähnte dann auch noch, dass sie mich schon lange nicht mehr im Belladonna (das ist eine Boutique in der ich früher oft eingekauft habe) gesehen hat. Im gleichen Moment sah sie mich, sehr arrogant, wie ich finde, von oben bis unten an. Ihrem Gesichtsausdruck nach war sie mit meinem Erscheinungsbild nicht zufrieden. Im ersten Moment war ich verunsichert, dann fühlte ich mich provoziert und entgegnete, ich will mich eben nicht auf einen Stil festlegen und finde im Belladonna sieht immer alles gleich aus.

Sie trug im übrigen, einen schwarzen knielangen Bleistiftrock und ein rosa Twin-Set. Ich hingegen eine Jeans, weißes Statement Shirt, schwarze Lederjacke und Sneaker. Ich war schließlich nur kurz im Blumenladen. Um der Situation zu entkommen fragte ich, und wie geht es Dir? Sie schaute mich entsetzt an. War das die falsche Frage? Zu persönlich? Eine wirkliche Antwort bekam ich nicht, dafür ein „ich bin so im Stress – wir fahren am Wochenende doch an den Luganer See – ich muss jetzt auch weiter“. Das war’s.

Ein Treffen der Dritten Art, anders kann ich es nicht beschreiben. Ich wusste, dass ihr Mann nicht nur eine Affäre und einer der Söhne Drogenprobleme hat. Ich hatte auch gehört, dass ihre Mutter schwer krank sein soll und sie mit deren Pflege völlig überfordert ist. Schade, dachte ich mir. Immer den Schein bewahren um nach außen hin zu funktionieren, stelle ich mir sehr anstrengend vor. Auch wirkte sie auf mich, als müsse sie immer allen Ansprüchen gerecht werden, aber nicht ihren eigenen. Ich ärgere mich den ganzen Tag über, immer wieder über die Blicke und die Stimmlage. Ich habe durchaus bemerkt, dass ihre abfälligen Blicke meinem Outfit galten. Aber warum ärgert mich das?

Ich fand toll was ich heute getragen habe, besonders meine neuen weißen Sneakers mit rotem Akzent. Ich glaube das sind die letzten Funken einer alten, vergangenen Zeit die wieder aufschlagen. Einer Zeit in der nicht der eigene Geschmack und Stil bestimmt haben was wir tragen, sondern mit welcher Gesellschaft wir uns umgeben haben. Kaufst Du hier ein  – gehörst Du dazu. Ein bisschen wie in der Fernsehserie Kir Royal von Helmut Dietl aus den 80igern. Die Serie dreht sich um den Boulevard-Reporter Baby Schimmerlos der über die Münchner Schickeria berichtet. Die erste Folge heißt passend „wer reinkommt ist drin“.

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Ich bin sehr froh, dass ich heute die Freiheit besitze zu tragen was mir gefällt und ausdrückt wer ich bin und wie ich mich fühle. Ich finde einen tollen Sneaker mit rotem Akzent, der die Farbe meines Tom Ford Lippenstiftes aufgreift um Welten stilsicherer, als ein teures, langweiliges Kaschmir-Twinset. Und dazu stehe ich.

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