Mama, ein Pflegefall!

Bastelstunde im Aufenthaltraum, im ersten Stock wird gesungen und man hört das Lachen der Pflegerin Barbara im ganzen Haus – Kindergarten – nein so war es im Pflegeheim, die letzte Station meiner Mutter.

Ich habe lange überlegt, ob ich das Thema in meinem Blog aufnehmen soll. Jedoch glaube ich, dass die Erfahrungen für Betroffene hilfreich sind und sie sehen, dass sie mit diesem Problem nicht alleine sind.

Meine Mama war immer eine grosse Stütze für mich, Jahrzehnte lang, vor allem nach dem Tod meines Mannes, ich war gerade 38 Jahre alt. Ob im Haushalt, kochen, waschen, bügeln, bei der Gartenarbeit, für meine Tochter oder einfach nur zum Reden. Selbstverständlich übernahm sie all die Aufgaben um mich zu entlasten. Kurz nach ihrem 85. Geburtstag der erste Schreck – Herzflimmern, Bluthochdruck, Notarzt, Intensivstation, ein Herzschrittmacher wurde eingesetzt. Es dauerte eine Zeit, aber bald ging es ihr besser, jedoch nicht in der Verfassung wie vorher.

5 Jahre später kurz nach Weihnachten, kam ich gerade von einem Spaziergang nach Hause zurück, erzählte sie – ich bin gestürzt – warum? War dir schwindlig? Das konnte sie nicht beantworten. Mit fiel aber auf, das Mama ihren linken Arm nicht bewegen konnte und die linke Gesichtshälfte schlaff nach unten hing. Schlaganfall !!! Wieder Notarzt, Krankenhaus und Intensivstation. Aber Mama ist ein Stehauf-Männchen, unglaublich der Heilungsverlauf und ihr Wille wieder gesund zu werden. Ende Januar feierten wir gross ihren 90. Geburtstag mit Familie, Freunden, Bekannten und Nachbarn, sogar der Bürgermeister der Gemeinde kam zum gratulieren.

Ein paar Monate später ging es Step by Step bergab. Nach einem erneuten Sturz Rippenbruch, dann Gastritis, Bluthochdruck, Herzprobleme, schwere Operation an der Galle. Ich musste dem Notarzt und First Risponder nicht mehr erklären, das Mama im ersten Stock wohnt, sie kannten den Weg in ihre Wohnung. Im Herbst dann, nach einem erneuten Sturz – Oberschenkelhalsbruch, Krankenhaus und anschliessend Kurzzeitpflege, da sie für mindestens 5 bis 6 Wochen einen Rollstuhl benötigte. Nun konnte sich Mama nicht mehr selbst versorgen, auch die Demenz schritt mehr und mehr voran, an manchen Tagen mehr und an anderen Tagen weniger.

Wieder Zuhause kümmerte sich ein Pflegedienst morgens und abends täglich eine halbe Stunde, zum waschen und anziehen. Den Rest des Tages und die Nacht musste ich organisieren. Jeden Sonntag Abend wurde für die Woche ein Plan erstellt, welche beruflichen Termine stehen für mich an, kann der Pflegedienst tagsüber einspringen, hat die Nachbarin Zeit, kann meine Tochter einen Tag Urlaub nehmen? Schlaf war nebensächlich, aber ich merkte das ich zunehmend gereizt und nervös war, die Kräfte fingen an zu schwinden. Tag und Nacht im pflegenden Einsatz zu sein und seinen beruflichen Pflichten nachzukommen, verliert man nach und nach den Kontakt zur Aussenwelt, Freundinnen – die wenigen die noch geblieben sind, fragten nicht mehr nach um etwas zu unternehmen, weil sie wissen, dass man doch absagen muss. Ich habe mir die Pflege meiner Mutter leichter vorgestellt, ein 24 Stunden Job ohne Wochenende und Urlaub. Meine eigene Gesundheit lies nach, ich war ständig müde, konnte kaum noch was essen und nahm über die Monate über 6 kg ab und die Waage zeigte nur noch 45 kg an.

Wenn Menschen pflegebedürftig werden, verändert sich das Leben auf einen Schlag, eine Aufgabe die man im Vorfeld gerne verdrängt. Oft habe ich den ärztlichen Notdienst oder Notarzt verständigt wenn es ihr schlecht ging. Man weiß sich einfach nicht zu helfen, kann nicht einschätzen wie „schlimm“ es ist. Eine kleine Erkältung nimmt im Alter den ganzen Menschen mit.  Insgeheim vielleicht auch in der Hoffnung, dass Mama ins Krankenhaus muss, damit ich mich einige Tage ausruhen kann. Von der Krankenkasse fühlt man sich alleine gelassen, Auskünfte nur spärlich und unhöflich, man fühlt sich als Bittsteller. Nach dem Oberschenkelhalsbruch wollte ich nach dem Krankenhaus Aufenthalt eine Reha beantragen. Im Krankenhaus hieß es aber, Mama sei nicht Reha fähig. Ca. 6 Wochen später habe ich es versucht – Antrag gestellt, Formulare ausgefüllt, telefoniert und erneut Antrag gestellt. Täglich habe ich die zuständige Dame für die Vergabe der Reha angerufen, immer wieder vertröstet oder es ging niemand ans Telefon. Vielleicht kannte die Dame bereits meine Telefonnummer und wollte einfach nicht ans Telefon gehen. Was also tun, nicht rehafähig aber im Krankenhaus „austherapiert“. Was sollte ich Zuhause mit ihr machen? Unser Haus ist nicht auf Rollstühle ausgerichtet, die Wohnung meiner Mutter im ersten Stock. Der einzige Ausweg war Kurzzeitpflege und weiter auf eine Reha hoffen.

Auch in Krankenhäusern ist die Entlassung der kranken und alten Patienten nach schweren OP oder Brüchen, ruck zuck erledigt. Wir können medizinisch nicht mehr für ihre Mutter tun – morgen ist Entlassung. Nehmen sie doch einen Pflegedienst in Anspruch – ja, gerne – nur die Pflegedienste sind heillos überlastet. Man fühlt sich von der Gesellschaft und Politik alleine gelassen. Für jemanden der 24 Stunden Pflege benötigt reichen bei Pflegestufe 3, bei häuslicher Pflege das Geld nicht  aus. Von meinen Kräften verlassen, sagte ich zu meiner Mama, ich schaffe das nicht mehr. Völlig überrascht meinte sie – dann frag doch mal im Pflegeheim, das ganz in der Nähe ist, ob ein Platz frei ist. Das Heim war zu diesem Zeitpunkt unvermeidbar, da sie jetzt ein Rund-um-Pflegefall war.

Zum Glück war ein Platz frei und ich habe sofort zugesagt. Meine Entscheidung fiel nicht leicht, aber ich habe so entschieden, um mich selbst zu schützen und für Mama die beste Bedingung zu finden.  Es wird von der Gesellschaft verlangt, die Eltern zu pflegen und oft wird gesagt du musst „etwas zurückgeben“ Ich bin der Meinung das die Pflege eines Neugeborenen und Baby nicht vergleichbar ist, mit der Pflege eines alten, gebrechlichen und Demenzkranken Menschen. Es gibt viele Ratgeber zum Thema häusliche Pflege, aber leider keines das ehrlich umschreibt, wie schwierig die Situation für Angehörige ist. Unsere Hausärztin sagte mal zu mir „ihrer Mutter kann es nur gut gehen, wenn es ihnen gut geht- schauen sie mal in den Spiegel“!!!

Mama hatte sich im Heim gut eingelebt. Sie nahm an Sing- und Bastelstunden teil, sie malte Bilder aus und ging zur Gymnastik. Einmal im Monat war ein Gottesdienst, es wurde Bingo gespielt oder man schaut gemeinsam fern. Im Sommer war ein grosses Fest, mit Zelt, Alleinunterhalter, Kaffee und Kuchen und später noch eine Brotzeit. Im Herbst gab es eine Modenschau von Witt Weiden, ab und zu blättert sie in einer Zeitung, freute sich täglich wenn um 14.30 Uhr der Servierwagen mit Kaffee und Kuchen kam. Alle 14 Tage kam der Friseur und regelmäßig jemand für die Fusspflege. Ihr Zustand wechselt von Tag zu Tag. Manchmal konnte wir uns unterhalten und erzählen von alten Zeiten. Am nächsten Tag spracht sie wirr und konnte sich um 13 Uhr nicht mehr erinnern, was es vor einer Stunde zum Mittagessen gab. Irgendwie war jeder Tag für sie gleich, ob Dienstag oder Sonntag, aber sie erkannte mich und auch alle Familienangehörigen. Im Winter 2017 verschlechterte sich ihr Zustand und zum Schluss lag sie nur noch apathisch im Bett bis sie im März 2017 ihre Augen schliessen durfte.

Wer sich bewusst und freiwillig für die Pflege daheim entscheidet verdient meine Hochachtung. Wer sich dagegen entscheidet, verdient den gleichen Respekt. Wir sind nicht nur auf der Welt um uns aufzuopfern und Pflichten erfüllen. Ich hatte Glück mit dem Pflege- und Altenheim, hier hatte Mama eine liebevolle und professionelle rundum Betreuung – 24 Stunden – mehr als ich ihr geben konnte.