Bewusst im Hier & Jetzt

Bist Du da und wie geht es Dir heute?

Das unheimliche Gefühl beim Autofahren wenn man plötzlich feststellt, dass man die letzten 30 Sekunden mit den Gedanken überall war – nur nicht beim Verkehr und auf der Straße – kennt wohl jeder. Der Moment in dem einen sein Gegenüber nach der Meinung fragt und man beschämt feststellt, dass man nicht zugehört hat weil die Gedanken abgeschweift sind, ist sicherlich den meisten auch nicht fremd. Wieso sind wir im Leben so oft wo ganz wo anders, nur nicht im Hier und Jetzt?

Ich habe keine Antwort und dennoch habe ich sehr lehrreiche Erfahrungen machen dürfen, oder auch müssen. Und diese haben mich mit meinen 60 Jahren noch fasziniert. Wir sind alle abgelenkt, von Gedanken, Informationen, Geräuschen, Gerüchen und Geräten. Ständig versuchen wir den Spagat zwischen „ich muss mich jetzt hier konzentrieren“ und „hoffentlich verpasse ich nichts“ oder „könnte ich die Zeit sinnvoller nutzen?“ zu meistern. Für mich ist die Zeit bei den Pferden immer die Zeit des Tages, wo ich es schaffe im Hier und Jetzt zu sein. Oft dauert es eine Weile bis man runter- oder ankommt aber die Tiere nehmen sich ihre Aufmerksamkeit und zwingen einen förmlich präsent zu sein. Unsere Pferde sind hier besonders sensible Damen. Ich habe viel darüber gelesen, dass Pferde uns spiegeln und anfangs nicht richtig verstanden wie das funktionieren bis Rosii unsere Islandstute mich lehrte.

Gestresst, abgehetzt und genervt kam ich an den Stall und wollte sie zum Putzen vom Paddock holen. Wie immer wenn ich ihren Namen rief hob sie den Kopf und schaute mir freundlich entgegen. Umso näher ich kam umso skeptischer schaute sie. Als ich ungefähr einen Meter mit ausgestreckter Hand (in der ein Leckerli lockte) vor ihr stehen blieb und sie bat her zu kommen drehte sie sich um und trabte davon. Na toll!! Heute habe ich es auch noch eilig dachte ich mir. Genervt stapfte ich hinter ihr her. Sie schaute mich wieder an machte aber keine Anstalten zu mir zu kommen, ganz im Gegenteil, immer wenn ich mich ihr näherte lief sie davon. Warum? Gestern kam sie mir noch entgegen und lies sich problemlos aufhalftern. Enttäuscht brach ich ab und ging in die Futterkammer um wenigstens einen Teil meines Vorhabens zu beenden und ihr Abendessen herzurichten.

Kurze Zeit später kam meine Tochter und fragte mich erstaunt ob alles in Ordnung ist und ich schon fertig bin. Ich sagte knapp, ja alles ok und erledigt. Mittlerweile war ich noch gereizter und durchgefroren. Sie ging zum Stall und siehe da Rosii kam ihr sofort entgegen. Was hab ich nur getan? Hab ich was falsch gemacht? Es hat Monate gedauert bis ich ausmachen konnte warum sie sich an manchen Tagen so verhält. Die aberwitzigsten Theorien wurden aufgestellt, sie hat schlecht geschlafen, wird rossig, oder liegt es doch an der Farbe meiner Kleidung, meinem Geruch? Aber nie hätte ich gedacht, dass es an mir selbst liegen könnte. Wir Menschen kommen gestresst von der Arbeit und fahren an den Stall, nach langen Arbeitstagen oft eine Überwindung. Ärger der sich über den Tag angestaut hat, Gedanken an Dinge die noch nicht erledigt und vorbereitet werden müssen. Eine innere Anspannung die wir selten einfach ausknipsen können. All das nehmen wir mit und strahlen es aus. Vor anderen Menschen ist das oft noch leicht zu verbergen, nicht aber vor unseren Pferden. Sie lesen unsere Körpersprache wie Meister, sie riechen förmlich unsere innere Haltung, sie spiegeln uns einfach. Mit diesem Wissen fällt mir der Umgang mit Pferden heute leichter. Habe ich einen sehr schlechten Tage versuche ich es erst gar nicht etwas von Rosii zu verlangen, dann gibt es nur Streicheleinheiten und ein Leckerli.