Baustelle „ich“?

Müssen wir im Laufe der Jahre uneitel werden? Gerade für uns Frauen ist beim Älterwerden die Angst nicht mehr attraktiv zu sein eine der Größten. Während jeder den Männern zuspricht, dass sie mit dem Alter erst interessant werden, bleibt uns meist nur ein kosmetischer Eingriff oder in Würde zu altern.

Dummerweise ärgere ich mich immer wieder über den Spruch was Männer betrifft, denn es gibt auch sehr viele Frauen die im Alter „schöner“ geworden sind, mehr Charisma besitzen und einfach ausstrahlen, dass sie mit sich und ihrem Leben zufrieden sind. Genauso gibt es sehr viele Männer die nicht unbedingt interessanter sondern meist nur dicker und haarloser geworden sind. So einfach ist es ist. In den vergangenen Wintermonaten habe ich mir wieder mal die komplette Sex & the City Staffel angesehen, von Folge 1 bis zum 2. Film. Ich musste feststellen, dass nahezu alle der Ladies für mich in den letzten Folgen attraktiver wirkten als in den Anfängen. Natürlich haben auch die skurrilen Outfits und Frisuren der 80er ihren Beitrag geleistet. Aber im Laufe der Staffeln hat jede ihren eigenen Stil gefunden und wir durften als Zuseher die Persönlichkeit kennenlernen. Eine Samantha ist für mich im letzten Film weit aus „schöner“ und sinnlicher geworden als zu Anfang. Und auch in Deutschland kenne ich zahlreiche Frauen aus der Film und Medienwelt die mit über 70 Jahren noch sehr attraktiv sind. Natürlich weiss man nie ob hier operative Eingriffe im Spiel waren, aber mich treibt es in jedem Fall dazu an, nicht uneitel zu werden. 

Eine Freundin ließ sich vor einiger Zeit das Fett im Bauchbereich absaugen. Stolz erzählte sie, am Bauch wird sich kein Fett mehr ablagern. Heute ist der Po dafür sichtbar größer und die Oberarme haben den doppelten Umfang. Eine andere Freundin versuchte Botox Spritzen. Heute hat sie ein glatteres Gesicht, aber es wirkt starr, keine Mimik und das lachen fällt ihr schwer. Viele Frauen feiern ihren Geburtstag nicht mehr und die Altersangabe bleibt offen, greifen zu Antifalten-Creme oder lassen sich Eigenfett spritzen. Andere wiederum kleiden sich bewusst sehr jugendlich und schminken sich stark, jede Diät wird ausprobiert und auf Gedeih und Verderb täglich mindestens 4 l Wasser getrunken. Ich bewundere Frauen die sich darum gar nichts scheren und immer betonen, dass sie jede ihrer Falten lieben weil sie von ihrem Leben erzählen. Wie wahr, aber es gelingt nicht immer den Jugend- und Schönheitswahn an sich abprallen zu lassen.

Gibt es nur entweder oder?

Nein, für mich mit Sicherheit nicht. Ich denke wir müssen lernen unseren Körper zu lieben und anzunehmen wie er ist. Ja, er verändert sich mit der Zeit, aber das tun wir doch auch, oder? Oft frage ich mich, wie es heute ist 30 zu werden, der Jugendwahn ist so extrem an das Alter in Zahlen geknüpft als ob jede zusätzliche Zahl automatisch die Schönheit reduzieren würde. Das ist Quatsch, ich denke die Mischung macht es aus. Schönheit kommt nicht nur von aussen und schon gar nicht von alleine. Ein glücklicher zufriedener Mensch der sich pflegt und gesund ernährt wird immer mehr Ausstrahlung besitzen als jemand, der dem Ideal hinterher läuft und immer unzufrieden ist.

Schwierig macht es aber, dass man spätestens ab 60 in gewisser Weise „vergessen“ wird. Viele Modezeitschriften die Outfits für jedes Alter präsentieren, widmen sich der 20, 30, 40 und manchmal gar der 50 jährigen. Für alle ab oder über 60 bleibt ein Fragezeichen. Ähnlich ist es mit der Kosmetik, viele Produkte enthalten auf der Verpackung eine Empfehlung in welchem Alter der Artikel angewendet werden sollte, diese enden meist mit 59. Ist ab 59 kein Bedarf mehr – weil es ohnehin schon egal ist? 

Meine Freundin Andrea hat wunderschöne, feste und glänzende Haare, halblang, etwas gelockt. Ihr Po ist jedoch etwas zu füllig.  Sie meint aber: keiner schaut auf meinen dicken Po, jeder Blick geht zuerst auf meine Haare – und recht hat sie!

Ich finde meine Augen schön und bin stolz auf meine schlanke Taille,  dafür sind die Oberarme erschlafft, weshalb ich immer versuche die Arme abzudecken. Die Augen und Taille werden aber betont.

Jede Falte mit Stolz tragen, die Problemzonen abdecken, oder davon ablenken und die Vorzüge betonen – das ist der Schlüssel. Keine normale Frau hat so viel Geld alle Baustellen chirurgisch entfernen oder behandeln zu lassen. Genauso wenig macht es Sinn, alle teuren Anti-Aging Produkte auszuprobieren um darauf zu hoffen, dass eines die Jugend zurück bringt. Ich denke wie in vielen Dingen des Lebens sollte man dieses Thema pragmatisch angehen. Was kann ich wirklich ändern und was stört mich so, dass ich es sofort ändern muss. Bei mir sind es sicher die Oberarme und Oberschenkel die einfach unschön und schlaff sind. Ich kann mich noch so oft darüber ärgern und dafür schämen,  von selber wird sich das Problem nicht lösen. Hier hilft nur Muskelaufbau, Gewicht zulegen und viel cremen. Ob ich die Ausdauer dazu habe wird sich in diesem Sommer zeigen. Alles andere ist für mich selbstverständliche Grundarbeit. Ich liebe meine Beauty Rituale Zuhause, ich interessiere mich für neue Kosmetik Produkte, informiere mich aber anders als früher sehr genau, in was ich investieren möchte. Heute weiss ich mehr denn je was meine Haut braucht um gut auszusehen. Das gleiche gilt für meine Haare. Im Laufe der Jahre lernt man seinen Körper einfach kennen. Und wenn ich alleine nicht weiter komme hole ich mir Rat von Spezialisten. Trotzdem musste ich mir eingestehen, dass es unrealistisch ist eine jugendliche Haut einfach herbei zu cremen, die Zeiten sind vorbei. Aber das ist in Ordnung. Ebenso liebe ich die Mode. Aber auch hier gilt, die Mode soll meinen Stil und meine Persönlichkeit ausdrücken, nicht mein Alter kaschieren oder zeigen. Was mir gefällt und gut tut lässt mich auch gut aussehen.